Schuldabwehrender Antisemitismus

Diese Erscheinungsform wird in der wissenschaftlichen Debatte auch als sekundärer Antisemitismus behandelt. (..) Hierbei unterstellt man der öffentlichen Auseinandersetzung über die Massenvernichtung der Juden während des Zweiten Weltkriegs, diese diene nur der Diffamierung der nationalen Identität der Deutschen, der Gewährung fortgesetzter Wiedergutmachungszahlungen an Israel und der Legitimation von deren Politik im Nahen Osten. In diesem Kontext bemüht man auch traditionelle Argumentationsmuster des Antisemitismus wie etwa die Auffassung von der angeblichen jüdischen Fixierung auf finanziellen Besitz oder politische Macht.

Als besondere Variante des sekundären Antisemitismus, die insbesondere im Rechtsextremismus Verbreitung fand, kann die Holocaust-Leugnung gelten. Sie unterstellt, dass die Massenvernichtung an den Juden nicht stattgefunden hätte und sie eine Erfindung zur moralischen Demütigung der Deutschen sei. Mitunter wird – auch vor dem Hintergrund der Strafbarkeit – der Völkermord nicht mehr direkt geleugnet, sondern in seiner Bedeutung relativiert.[1] Auch sehen manche in der angeblich ständigen Erinnerung auch durch jüdische Organisationen eine Art „Moral-Keule“, welche als Angriff auf die eigene nationale Identität empfunden wird.[2]

Ähnliche Auffassungen findet man auch in Publikationen arabischer Islamisten und Nationalisten, allerdings mit einer anderen inhaltlichen Grundlage. Sie stellen den Holocaust wegen seiner moralischen Legitimation für die Gründung des Staates Israel in Abrede. Insofern verwundert nicht, dass selbst renommierte Institutionen, Medien und Persönlichkeiten der arabischen Welt die Massenmorde der Nationalsozialisten zumindest verharmlosen, mitunter auch leugnen.[3] Dabei bedienen sich die einschlägigen Schriften auch direkt der Argumentationsmuster und Publikationen rechtsextremistischer Revisionisten.

Die gegenwärtig gesellschaftlich wohl am weitesten verbreitete Antisemitismusform in Deutschland dürfte indessen in der Schuldabwehr-Komponente (…) bestehen. Diese Auffassung negiert nicht notwendigerweise den Holocaust, wirft aber den Juden vor, sie nutzten die Erinnerung an den Völkermord für ihre eigenen Vorteile aus. Durch dieses Argumentationsmuster wird eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen: Die Erinnerung der Nachkommen und Überlebenden des Massenmordes wird als Akt der Aggression dargestellt, die eigenen Aversionen gegen die Juden gelten in dieser Perspektive als eine Art Notwehrreaktion.[4]

1. Vgl. Brigitte Bailer-Galanda/Wolfgang Benz/ Wolfgang Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und „Auschwitzlüge“. Zur Bekämpfung „revisionistischer“ Propaganda, Wien 1995.

2. Vgl. Frank Stern, Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg, Gerlingen 1991.

3. Vgl. Omar Kamil, Araber, Antisemitismus und Holocaust. Zur Rezeption der Shoah in der arabischen Welt, in: Analyse & Kritik 473 (2003), S. 14f. und 474 (2003), S. 20f.

4. Vgl. Werner Bergmann, „Nicht immer als Tätervolk dastehen“ – Zum Phänomen des Schuldabwehr-Antisemitismus in Deutschland, in: D. Ansorge (Anm. 23), S. 81 – 106.

Es handelt sich um Auszüge aus dem Text Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus vom Autor Armin Pfahl-Traughber zu finden unter: https://www.bpb.de/apuz/30327/ideologische-erscheinungsformen-des-antisemitismus?p=all

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