Rassistischer Antisemitismus

Diese Erscheinungsform bildete sich erst im Kontext der Entwicklung des Rassismus im 19. Jahrhundert. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie alle Juden von Natur aus als negativ bewertet. Sie können dieser Einschätzung weder durch Änderungen ihres politischen oder sozialen Verhaltens noch durch die Abkehr vom jüdischen Glauben entgehen. Insofern war die spätere Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten bereits im rassistischen Antisemitismus als mögliche Konsequenz angelegt. Diese Form des Antisemitismus wird von ihren Vertretern außerdem für wissenschaftlich begründet gehalten.

Zunächst kamen derartige Auffassungen Anfang der 1870er Jahre in der völkischen Bewegung auf, wo biologistische Argumentationsmuster mit einer sozialdarwinistischen Ideologie verknüpft wurden: So bestehe das Gesetz der Geschichte in einem Kampf unterschiedlicher „Rassen“ – hier zwischen „Germanen“ und „Juden“ – um die Vorherrschaft.[ An solche Einstellungen konnten die Nationalsozialisten seit Beginn der 1920er Jahre nahtlos anknüpfen. Insbesondere Hitler propagierte, dass die Juden sich als parasitäre Elemente in den Völkern eingenistet hätten und aus ihnen ausgeschieden werden müssten.[1]

Solche rassistischen Vorstellungen bestanden in der islamischen Welt nicht, auch wenn durchaus Phantasien von einer ethnischen Überlegenheit gegenüber Nichtarabern virulent waren.[2] Im Zuge einer Annäherung an die Nationalsozialisten und insbesondere der Kooperation des Jerusalemer Muftis Mohammad Amin el-Husseini zeigten sich allerdings erste Veränderungen, wobei zunächst die antibritische, dann aber auch die antisemitische Komponente einen wichtigen Bezugsfaktor darstellte.[3] Durch den Einfluss nationalsozialistischer Propaganda verbreiteten sich zunehmend antisemitische und rassistische Stereotype in der arabischen Welt. Zwar lässt sich dort keine biologistische Sichtweise im Sinne des europäischen Rassismus nachweisen, in der pauschalisierenden Konsequenz einer Verdammung aller Juden besteht allerdings eine nicht zu leugnende Gemeinsamkeit. Im Verlaufe des Nahostkonfliktes nahm die Akzeptanz derartiger Einstellungen im arabischen Raum immer mehr zu. Ein rassistischer Antisemitismus wird in der westlichen Welt kaum noch vertreten, knüpfen daran doch allenfalls noch die neonazistischen Teile des Rechtsextremismus an. [4]

1. Vgl. Eberhard Jäckel, Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, Tübingen 1969, S. 58 – 85.

2. Vgl. Bernard Lewis, „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt/M.-Berlin 1987, S. 155f.

3. Vgl. Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Darmstadt 2006, S. 105 – 120.

4. Vgl. Hendrik Berger, Antisemitismus im Rechtsextremismus – zwischen subtiler Anspielung und offenem Hass, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Judenfeindschaft im politischen Extremismus und im öffentlichen Diskurs, Berlin 2006. S. 54 – 74.

Quelle:

Es handelt sich um Auszüge aus dem Text Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus vom Autor Armin Pfahl-Traughber zu finden unter:

https://www.bpb.de/apuz/30327/ideologische-erscheinungsformen-des-antisemitismus?p=all

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