Israelbezogener Antisemitismus

Der Begriff »Zionismus« steht seit dem 19. Jahrhundert als Sammelbezeichnung für Bestrebungen von Juden, einen eigenen Nationalstaat zu etablieren. Mit der Gründung des Staates Israel wurde dieses Ziel erreicht. Der Begriff des »Antizionismus« bezieht sich daher auf die Delegitimierung des Staates Israel. Antizionistischer Antisemitismus zeigt sich in einer rigiden Ablehnung der Außen- und Innenpolitik Israels, wobei das konstitutive Motiv dafür in der jüdischen Prägung des Staates gesehen wird.

Für aufgeregte Debatten sorgt jener Antisemitismus, der über den Umweg einer Kritik an der Politik des Staates Israel kommuniziert wird. Nach Heyder/Iser/Schmidt sind zwei Facetten zu unterscheiden:[1]

Israelbezogener Antisemitismus, der antisemitische Stereotype auf den israelischen Staat überträgt, das Handeln des israelischen Staates gewissermaßen als Beweis für den „schlechten Charakter“ der Juden zitiert. Hierzu zählt eine Ablehnung von Juden, die durch die israelische Politik legitimiert wird, die israelische Politik als jüdische Politik versteht und damit Juden kollektiv für das Handeln Israels verantwortlich macht.

Damit verwandt ist eine Israelkritik, die mit NS-Vergleichen und -Assoziationen operiert, die also historische Vergleiche der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern mit der Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus zieht oder Israel mit doppeltem Standard beurteilt, d.h. Handlungen scharf verurteilt, die in anderen Ländern stillschweigend geduldet werden.

Gerade ein Antisemitismus, der über den Umweg der Kritik an Israel kommuniziert wird, zeigt die Legitimationsdynamik des Vorurteils. Über diesen Umweg lassen sich Mythen von Konspiration, Verrat und Weltherrschaftsstreben untabuisiert äußern. Das kann erstens zu einer Täter-Opfer-Umkehr führen, die sich auch in der Medienberichterstattung wiederfindet. Jäger und Jäger weisen in einer Analyse von Printmedien über den Nahostkonflikt seit Beginn der 2. Intifada nach, dass die Medien einen hohen Anteil an dem Transport solcher Mythen haben.[2] Zweitens wird die Politik Israels als Transportmittel für antisemitische Stereotype verwendet. Sie wird als „jüdisches Handeln“ markiert, und dessen negative Bewertung wird für die Gesamtheit der Juden generalisiert. Das wird zugleich als ideologischer Beleg dafür zitiert, dass in jedem Vorurteil ein Körnchen Wahrheit steckt, was auch bei anderen Vorurteilen wie etwa der Islamfeindlichkeit ins Feld geführt wird. Der Vorwurf, jegliche Kritik an Israel würde gleich als antisemitisch gebrandmarkt, ist dabei eine dritte Variante. Schließlich bietet die Positionierung hinter den scheinbar Schwächeren – in dem Falle den Palästinensern – eine Legitimation der Integrität des Selbstverständnisses.

1. Vgl. Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt, Israelkritik oder Antisemitismus?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 3, Frankfurt/M. 2005.

2. Vgl. Siegfried Jäger/Margarethe Jäger, Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus, in: Medien: Forschung und Wissenschaft, Bd. 3, Münster 2003. (Anm. 2).

Es handelt sich um Auszüge aus dem Text Antisemitismus in Deutschland und Europa von Beate Küpper und Andreas Zick zu finden unter:

http://www.bpb.de/apuz/30329/antisemitismus-in-deutschland-und-europa?p=all

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